"Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig." (2. Korinther 12,9)
Es scheint dringlich zu sein. Ich habe zwar keine Lust zu fahren und könnte mir die nächste Stunde anders vorstellen, als sie im Krankenhaus zu verbringen. Aber dann entscheide ich mich doch dafür, mich auf den Weg zu machen.
Als Seelsorger bekomme ich Zugang zur Intensivstation. Bedrückende Enge, Schläuche, Verwandte, ein geistig abwesender Patient, bedrückte Stimmung. Ich erkundige mich nach der Situation. Nach kurzer Zeit fühle ich mich zunehmend unwohl und - das ist das Schlimmste - überflüssig. Wir sitzen dort und es entstehen Momente, in denen keiner spricht. Diese Stille ist mir unangenehm.
Mir wird kalt und heiß. Was mache ich hier? Irgendwann ringe ich mich durch, lese ein Bibelwort und bete. Meine Worte kommen mir entsetzlich vor, ärmlich und überflüssig. Was erreicht den kranken Vater? Was erreicht die Angehörigen? Ich empfinde, dass gar nichts ankommt. Ich fühle mich nicht nur überflüssig sondern sogar störend, weil ich keine Stütze sein kann. Vielleicht wäre es nicht nur für mich, sondern auch für sie besser gewesen, zu Hause zu bleiben.
Einige Tage später stirbt der Vater. Nach der Beerdigung ergibt sich ein Gespräch mit den Angehörigen. Ich höre die Worte, die ich erst gar nicht fassen kann. „Ihr Besuch im Krankenhaus in diesen ersten Momenten, als wir so haltlos waren, der war ganz wichtig für uns. Sie waren nah bei uns und waren eine Stütze. Vielen Dank.“
Ich bin mir zuerst nicht sicher, wie ich das verstehen soll. Ich sitze mit heruntergefallenem Unterkiefer vor ihnen. Irgendwann merke ich, dass sie das wirklich ernst meinen! Es war tatsächlich wichtig für sie, dass ich diesen Besuch machte. Sie haben ihn offenbar ganz anders erlebt als ich. Nähe, Wort Gottes und Gebet war für sie nicht hilfloses Stammeln, sondern Stärkung von Gott.
Schlagartig wird mir klar, dass Gott mir gerade eine Lektion erteilt hat. Er gibt mir zu verstehen, dass er, der starke Gott, in den Schwachen mächtig ist.
Nach Ansgar Hörsting